Montag, 16. März 2020


KOMP


Schon wieder was Neues…

Nach meinen ersten, super positiven, beruflichen Erfahrungen mit dem Avatar AV1 für Kinder mit körperlich bedingten Einschränkungen
(nachzulesen unter Ein Avatar als Stellvertreter im Unterricht - für Kinder, die wegen körperlicher Beeinträchtigung nicht am Unterricht teilnehmen können)
 des norwegischen Start-Ups  Noisolation möchte ich nun auch die Innovation ausprobieren, die für SeniorInnen soziale Isolation verhindern oder zumindest minimieren kann.

Der KOMP!

Mittwoch


Irgendwie ist es etwas gruselig, dass ich den schon lange bestellten KOMP gerade zu jenem Zeitpunkt geliefert bekomme, als die restriktiven Vorschriften der Regierung aufgrund der Corona-Krise einsetzen.

Schon lange hatte ich nämlich geplant, den KOMP meiner Mama, die eine Rehab als Folge einer Schulteroperation machen musste, zur Verfügung zu stellen.  Ich möchte sie nämlich nicht so lange Zeit (geplante 3 Wochen) alleine wissen (und sie besitzt kein Smartphone). Normalerweise ist mein temperamentvoller Papa an ihrer Seite und hält sie auf Trab 😉.
Frisch mit dem Paketdienst bei mir daheim angekommen packe ich den KOMP aus - einfach ein Bildschirm mit Drehknopf im Design der 60er-Jahre.


Ich stelle beim Zusammenfügen der Kabelanschlüsse fest, dass der Stecker für das englische Stromnetz vorgesehen ist und mir deshalb noch etwas Wesentliches fehlt – der Steckeradapter! Rasch noch zu Elektro Conrad (war grad noch offen) gefahren und um 6€ einen erstanden und los geht´s!

Am Bildschirm klebt die Schritt-für-Schritt-Anleitung, bei der nur eine Anweisung fehlt: „Drehen Sie den KOMP auf.“ Aber da kommt man rasch drauf. (ich denke, ich bin wirklich ein perfektes User-Testimonial...)
Es erscheint sofort der Installierungs-PIN direkt am Bildschirm.
Rasch lade ich die KOMP App auf mein Smartphone (kostenlos aus dem Google Play Store) und füge den PIN ein - alles selbsterklärend und „easy cheesy“ 😊 (sogar für mich als 50+ Frau, und somit kein digital-native)

Aber – für mich eh nicht wirklich überraschend – klappt es nicht sofort, mich per Bluetooth mit dem Bildschirm zu verbinden und damit den KOMP mit meinem W-Lan. Ich kontrolliere mehrmals, ob ich:
W-Lan im Raum aufgedreht und auf meinem Handy aktiviert habe, 
und ob Bluetooth aktiviert ist.



Ich komme nicht drauf, woran es liegt…

Was mir jedoch in der App gelingt, ist das Hinzufügen der Gruppenteilnehmer, zuerst mal meiner beiden Kinder Fabian und Kathrin. Jeder Teilnehmer erscheint mit Foto und Namen - damit kann Omi gleich erkennen, wer dabei ist. Da nicht nur der App-Administrator per Bluetooth den KOMP aktivieren kann, sondern das auch für jedes Gruppenmitglied möglich ist, hole ich meinen Sohn Fabian herbei, und bei ihm klappt es sofort! (warum es bei mir nicht geklappt hat, werde ich ein andermal herausfinden, im Moment ist mir das nicht wichtig)




Voll motiviert laden wir gleich einige Fotos hoch.
Auch meine Tochter, die auswärts studiert, (sie bekam sofort beim Hinzufügen zur Gruppe eine Einladung und trat gleich bei) schickt rasch ein paar Bilder und schreibt Nachrichten.

Es steht immer dabei, von wem die Nachricht oder das Foto ist.
Auch den Video-Anruf probiere ich gleich aus.
Wenn Omi nicht abheben möchte, dreht sie einfach per Drehknopf den KOMP ab. Sie hat 10 Sekunden per angezeigtem Countdown Zeit, zu entscheiden, ob sie die Verbindung annehmen oder abdrehen möchte. Sie muss also nix als Knopf-Auf-oder-Abdrehen, kein Wischen, Hinzufügen, Konto-Anlegen- NIX! (eine wirklich tolle Idee von Start-Up-Gründerin Karen!)

Die KOMP-Bedienung per Drehknopf „ein-aus“ ist für ältere, Handy-unerfahrene Benutzer mit eingeschränkter Reaktion bzw. Handmotorik wirklich praktisch, und aufgrund der Einfachheit ebenso für Menschen mit mentaler Einschränkung gut geeignet! 

Donnerstag


Gleich am nächsten Tag geht es nach Arbeitsschluss zu Omi in die Reha-Klinik.


Vorbei am historischen Otto-Wagner-Bau samt Goldkuppel der Steinhof-Kirche fahren wir zur benachbarten Reha-Klinik. Wir haben eine tolle Aussicht auf Wien, ein Regenbogen spannt sich über die Stadt.


Sicherheitshalber fährt auch mein Sohn Fabian mit, da bei ihm die Bluetooth-Verbindung schon einmal funktioniert hatte und bei meinem Handy nicht. Außerdem gibt es mir Sicherheit, wenn ich jemand von der Jugend-Generation bei Fragen im Umgang mit den „neuen Technologien“  an meiner Seite habe.

Vorsichtig und ohne Umarmung begrüßen wir Omi, organisieren an der Rezeption den W-Lan-Code und gehen mit unserem gut in seiner robusten Schachtel verpackten KOMP auf Omis´s Zimmer.
Wir probieren herum, aber es klappt nicht. Gut, dass Fabian dabei ist, denn sonst hätte ich mich alleine gleich komplett hilflos gefühlt.
 Einen Fehler hatte ich allerdings gemacht: ich hatte nicht daran gedacht, dass der Support von Noisolation nur bis 16h besetzt ist. Also kann ich mir keine telefonische Hilfe holen. Fabian vermutet, dass es an der W-Lan-Nutzer-Berechtigung des Klinik-W-Lan liegt.
Nun, das werden wir momentan nicht mehr herausfinden. Omi macht es eh nichts aus, aber wir sind nicht happy, dass wir nun den KOMP wieder einpacken und uns unverrichteter Dinge verziehen müssen.


Da die Besucherzahl aufgrund der Pandemie auf 1 Person/Woche reduziert worden ist, sehe ich auch keine Chance auf einen zweiten Versuch.
Aber da ist noch Opa!
Da die Pandemie-Bestimmungen fast stündlich verschärft werden, ist auch er nun fast unter Hausarrest. Schließlich gehört er 80-jährig mit Lungenerkrankung absolut der Risikogruppe an.

Gleich am nächsten Tag rufe ich den Support von Noisolation an. Gut, dass ich bei meinem letzten Erasmus-Projekt meine Englisch-Kenntnisse durch einen Englisch-Kurs aufgefrischt hatte!


Derzeit wird viel darüber geschrieben und von PsychologInnen erklärt, wie wichtig es in Zeiten der sozialen Isolation ist, in Verbindung zu bleiben:
- eine Situation, die für SchülerInnen mit körperlicher Beeinträchtigung immer besteht, nicht nur in globalen Krisenzeiten!
Wir erleben derzeit auch die Notwendigkeit, über e-learning-Plattformen am Bildungskontext teilhaben zu können - bei körperlicher Einschränkung für "meine" SchülerInnen schon längst eine alltägliche Herausforderung. (hier geht es zu unseren Zukunftsvisionen)


Aber nun zurück zum Support von Noisolation! 
(per Telefon ohne Roaming-Gebühren)
Total nett wird mir alles erklärt. Wahrscheinlich lag es wirklich an der Wlan-Berechtigung in der Klinik. Mit einem Mitarbeiter-Zugang oder einer per Support von Noisolation hinzugefügter Mac-Adresse hätte die Verbindung ziemlich sicher geklappt.

Tja, wäre ich nur schon früher bei Omi gewesen…

Aber morgen geht es gleich zu Opa. Bei ihm werden wir es nochmal probieren! Und vielleicht – hoffentlich – wird der Reha-Aufenthalt von Omi ohnehin aufgrund der Pandemie abgebrochen und sie heimgeschickt. Dann sind hoffentlich beide Oldies beim KOMP vereint😉 Sie sind zwar nicht einsam, aber mit den jüngeren Familienmitgliedern (die Großeltern-Besuchsverbot haben) können sie dann trotzdem besser in Verbindung bleiben. Denn keiner von beiden besitzt ein Smartphone. Für das Verbundenheitsgefühl ist es fein, wenn man sich auch sehen kann.

Freitag


Ich stecke den KOMP bei Opa zu Hause an, aber wieder klappt die Wlan-Anbindung per Bluetooth über mein Handy nicht …
Zumindest finden wir gemeinsam einen Platz für den KOMP im Wohnzimmer – trotz aller Skepsis von Opa, nach dem Motto „zawos brauch ma des?“ 


Aber wenn die Tochter einen Pilotversuch machen möchte, dann ist man doch dabei
– danke meinen lieben Eltern, dass sie bei diesem Versuch mitmachen!!!
Während ich noch bei Opa bin, ruft Omi an und kündigt an, die Reha am Samstag sicherheitshalber vorzeitig zu beenden und heimzukommen. Danke Omi, dass du meine Argumente erhört hast!

In Vorbereitung auf Verbindungsprobleme hatte ich vereinbart, dass noch einmal kurz – zum letzten Mal für lange Zeit – Fabian bei Opa (Händewaschen und Abstand-Halten inklusive) vorbeischaut und den KOMP aktiviert. Mit seinem Handy klappt es sofort! 
Dann wird aber erst mal alles abgedreht und noch die Heimkehr von Omi für Samstag besprochen.

Samstag


Da Enkelin Kathrin am Freitag spätabends angerufen und von Fieber berichtet hat, holt sicherheitshalber statt mir nun doch Opa Omi ab. Kathrin hat glücklicherweise keinen Husten - bei 1450 war ohnehin kein Durchkommen möglich.
Nun, wir bleiben sowieso alle daheim, die Dunkelziffer der Infektionen könnte aber aufgrund unserer Erfahrungen viel höher sein als offiziell bekannt.
Wir telefonieren nachmittags ganz traditionell, alles ist "safe".
Ich schicke meinem Bruder einen Info-Link und frage ihn, ob er und seine Kids auch zur KOMP-Gruppe hinzugefügt werden wollen, und bewerkstellige das dann gleich.

Zwei Dinge fallen mir auf: 

Dass es gut ist, wenn der Gruppen-Administrator ein Auge darauf hat, was geteilt wird, und gegebenenfalls Änderungen vornehmen kann.

Dass es interessant wäre, bei Text-Screenshots oder längeren Texten (oder Witzen) die Verweildauer verlängern zu können.


 


Sonntag


Der erste Videocall:

Nach telefonischer Vereinbarung dreht Omi KOMP auf. Opa schläft gerade.
Wir unterhalten uns, es macht Freude, sich gegenseitig zu sehen. Einmal bricht die Verbindung ab – vermutlich, weil ich während des Telefonats den Raum wechsle.
Dann bewege ich mich noch weiter durch das Haus, und die Bildqualität wird seltsam. 

Es muss lustig aussehen, die Beschreibung von Omi: „du siehst aus wie ein Gnom, der quer durch das Bild rinnt“
Opa wird munter und kommt nun auch neugierig hinzu. Wir haben sichtlich alle Spaß an der Video-Unterhaltung. Er meint: „so wie du da am Bild aussiehst, machst du keinen Aufriss“, „ es sieht aus wie ein Bildnis von Salvador Dali“.
Gerne würde ich nun den Bildschirm bei meinen Eltern betrachten und auch Spaß haben…
(beim nächsten Mal werde ich während der Verbindung nicht mehr herumspazieren)
Wir vereinbaren für die Zukunft nun einen fixen Zeitpunkt für das Aufdrehen des KOMP samt Videocall. Anknüpfend an unsere bisherigen Gewohnheiten vereinbaren wir die „Teatime“ / 17h. Da haben alle jenseits von Home-Office und Mittagsschlaf Zeit.

Montag


Ich sehe in der App, dass schon einige Minuten vor 17h der KOMP aufgedreht ist. Also scheint die Erwartungshaltung positiv! 
Und kaum bin ich "auf Sendung", ist Opa schon da - trotz aller anfänglichen Skepsis.  Die Bildqualität ist diesmal sehr gut!

Ich probiere mit meinen Eltern, den Bildschirm samt integrierter Kamera so zu positionieren, dass keine Gegenlicht-Aufnahme entsteht. Denn auch ich möchte meine Eltern und nicht nur deren Schatten sehen!

Meine Eltern fragen: "Sag, was ist das eigentlich? Ist das Skype? Davon haben wir schon von Freunden gehört, die erzählt haben, dass sie sich auf diese Weise mit ihren Enkeln im Ausland unterhalten haben". Ich: "Ja, so ähnlich. Ist nur viel einfacher, weil du nur den Drehknopf betätigen und nicht irgendein Konto am Computer anlegen und herumklicken musst."
Die Mimik meiner Eltern, während ich kurz beschreibe, dass man für Skype oder ähnliche Plattformen am PC herumfuhrwerken muss, zeigt mir, dass sie das nie machen würden, sich gar nicht zutrauen, und Überforderung und tausend Fragezeichen in ihren Köpfen auftauchen.
Dadurch, dass ich ihnen den Unterschied erkläre, wird mir selbst erst so richtig bewusst, welche Vorteile der KOMP wirklich mit sich bringt, und warum er entwickelt wurde.

Wir unterhalten uns relativ lange - es macht wirklich Spaß!
Meine Eltern bemerken auch gleich, dass ich ihnen nette Bilder geschickt hatte, und dass einige nicht mehr zu sehen sind. 


Das liegt daran, dass nach einem definierten Zeitraum (für jedes Bild extra einstellbar) automatisch die Bilder gelöscht werden. Ein Löschen zu jedem Zeitpunkt mit sofortiger Wirkung ist ebenfalls möglich. Einige Bilder sind nach 2 Tagen einfach "abgelaufen". Zum Beispiel die Fotos von den Frühlingsblumen im Blumenkistl vor meiner Eingangstür:


Vorsichtig frage ich nach, ob sie die Bilder von sich selbst zum Beispiel länger - sogar unendlich - sehen wollen. Es kommt kein Widerspruch ...


Am Boot in der Sonne Griechenland´s - vor einigen (vielen) Jährchen 

Schön wäre es, wenn es den KOMP zum Ausleihen gäbe, so wie es das bereits für Notfalls-Armbänder gibt.
(nähere Infos: https://www.noisolation.com/de)

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